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flausen+ bundesnetzwerkkongress #1:
Die Zukunft ist jetzt
14.-16. Februar 2017
Im Freien Werkstatt Theater Köln

Dokumentation von Dorothea Marcus

Dritter Tag. 16. Februar 2017

Panel: „Internationalität – Austausch zwischen kleinen und mittleren Theaterhäusern“

Zusammenfassung: Auch wenn viele kleinere und mittlere deutsche Theaterhäuser seit Jahrzehnten selbstverständlich international arbeiten, erschwert die deutsche Theater- und Förderstruktur die internationale Arbeit, die in den Niederlanden – trotz Budgetkürzungen – und Belgien etwa weitaus selbstverständlicher angelegt ist. Dabei ist gerade die Flexibilität der kleineren Theater auch in Deutschland ihre Kraft, mit der insbesondere der internationale Austausch fruchtbar werden kann. Mit kleineren Theatern vernetzt es sich außerdem viel schneller und nachhaltiger. Es ist sehr sinnvoll, das flausen+ bundesnetzwerk zu internationalisieren: denn auch, um Kontakte nach außen zu knüpfen, braucht es Freiräume.

 

Impulsvortrag: „Zur Relevanz internationaler Vernetzung für kleine und mittlere Theater“
Von Michael Freundt (ITI Deutschland, Berlin)

Das Internationale Theaterinstitut ITI wurde nach dem Zweiten Weltkrieg nach Vorbild des PEN-Verbands für Schriftsteller gegründet und ist heute ein Netzwerk von weltweit 90 Zentren und rund 200 Mitglieder-Theatern allein in Deutschland. Einmal jährlich treffen sie sich bei einer großen theaterpolitischen Konferenz. Zu den wichtigsten Projekten des ITI Deutschlands gehört das Festival „Theater der Welt“ (das nächste findet vom 25. Mai bis 6. Juni 2017 in Hamburg statt), der „Theaterpreis des Bundes“, sowie die Webseiten www.touring-artist.info und www.on-the-move.org, die das weltweite Touren und Erfahrungsaustausch ermöglichen, ein wichtiger Bestandteil sei aber auch das Förderprogamms „Szenenwechsel“, erläuterte der stellvertretende Direktor Michael Freundt. Es gehe dem ITI darum, die weltweite Theaterkooperation zu stärken. Partner seien Festivals, Konferenzen sowie eines der größten internationalen Netzwerke für die Zeitgenössischen darstellenden Künste oder das europäische Informationszentrum für Theaterkünstler, doch man sei auch bereit für direkte Partnerschaften, etwa mit dem flausen+ bundesnetzwerk.  Das ITI gebe darüber hinaus ganz konkrete Hilfe bei allen Fragen, die Visa, Transporte, Steuer, Versicherungen, Rechte sowie Sozialversicherungen beträfen. Eine wichtige Frage bleibe dabei stets: Wohin führe der oftmals ja auch fordernde und erschöpfende künstlerische Austausch, wie werde er nachhaltig und lang anhaltend, wie könne man ihn möglichst sozial, aber auch umweltverträglich gestalten?

 

Podium: Erfahrungsaustausch mit internationalen und deutschen Theaterhäusern

Unter der Moderation von Michael Freundt (ITI Deutschland) diskutierten Dirk Förster (LOFFT – DAS THEATER, Leipzig), Michael Freundt (ITI Deutschland), Winfried Wrede (theater wrede+, Oldenburg), Siegmar Schröder (TOR6 Theaterhaus / Theaterlabor Bielefeld), Ewan McLaren (Alfred ve Dvorze, Prag), Piet Zeemann (Performing Arts Fund NL), Kristof Blom (CAMPO, Gent).

Siegmar Schröder vom TOR6 Theaterhaus / Theaterlabor Bielefeld berichtete, dass das Theaterlabor Bielefeld bereits seit 1986 internationale Gruppen einlade – mit großem Publikumsinteresse. Zu dieser Zeit seien noch Experimente versucht worden, Inszenierungen gegenseitig zu „re-enacten“, ohne auf unterschiedliche kulturelle Kontexte einzugehen. Der Publikumserfolg sei stets groß gewesen – ebenso wie das Befremden. Heute forsche das Theaterlabor Bielefeld mit transeuropäischen Vernetzungen nach gemeinsamen Traumata, etwa im „Im Dschungel der Geschichte“ oder suche im Projekt „Krise – Trauma – Hoffnung“ künstlerische Begegnungen in europäischen Krisengebieten. Das Internationale sei also seit langem wesentliche Basis ihrer künstlerischen Arbeit.

Dirk Förster von LOFFT – DAS THEATER aus Leipzig berichtete ebenfalls von einer gewachsenen internationalen Arbeit seit den frühen 90er-Jahren, als sich fünf freie Gruppen zusammentaten, um das LOFFT zu gründen. Auch heute ist eine internationale Zusammensetzung selbstverständlich, wie man etwa am Performance-Kollektiv „Westfernsehen“ sehen kann. „Gerade bei den internationalen Einflüssen im Tanz kann man nicht mehr entscheiden, ob etwas eine deutsche oder internationale Koproduktion ist“, so Förster. Ein wichtiger Einfluss sei auch die Zusammenarbeit mit Festivals wie „Off Europa“, das jedes Jahr Theater aus einem Land an der Peripherie Europas vorstelle und mit einem tiefen Eintauchen in die jeweilige Theaterszene einhergehe. Seit 2002 koproduziere das LOFFT auch international, habe auch ein kleines Budget dafür – vor allen Dingen mit den Nachbarländern, Polen, Niederlande, Schweiz, Österreich. Außerdem habe das LOFFT auch ein eigenes internationales Festival, nämlich „Tanz.Tausch“, bei dem Köln, Leipzig und die Niederlande Arbeiten in einen „Austausch-Pool“ stellten, aus denen alle drei Partner auswählten, um sie einzuladen und so für alle neue Märkte und Zuschauer*innen erschlössen. „Es macht Sinn, den Horizont zu weiten, und gerade, wenn es trilateral passiert, ist es spannend“. So forsche etwa die dem LOFFT angeschlossene Gruppe „Friendly Fire” mit einer israelischen Gruppe an einem Projekt, einer „zionistisch-sozialistischen Republik in Uganda“.

Ewan Mc Laren, Produzent, Kurator, Regisseur und künstlerischer Leiter des Alfred ve Dvorze-Theater in Prag, das als Künstlerkollektiv arbeitet, trägt das Internationale bereits in der eigenen Biografie: Er wurde in Calgary, Kanada geboren. Seit 1990 gestaltet er die tschechische Theaterszene mit. Das Alfred ve Dvorze-Theater gebe es seit 15 Jahren, es sei wichtiger Teil der in den letzten Jahren immens gewachsenen tschechischen Szene, man sei hier sehr offen für Künstler*innen aus dem Ausland und gebe gerne Residenzen, man verstehe sich als Raum für Recherche und Innovation. „Wir haben in Osteuropa ganz andere Kontexte und Themen als in Zentraleuropa“, so Mc Laren. Der Kolonialismus etwa sei kein Thema. Man könne also nicht einfach Arbeiten aus Brüssel oder Gent nach Prag verpflanzen, vor einer Zusammenarbeit sei Recherche und persönlicher Kontakt nötig. Ein Beispiel einer deutsch-tschechischen Koproduktion sei etwa die Arbeit mit drei Senioren von  Oldenburg und Prag, alle älter als 60, die über ihr eigenes Sexleben berichten: „All the sex I‘ve ever had“. In „Identity move“, unterstützt vom Goethe Institut Warschau, forschten 25 Künstler*innen (vor allem Tänzer*innen) aus 14 osteuropäischen Ländern zusammen zwei Jahre lang ohne Premierenzwang und präsentierten dann beim BAZAAR-Festival ihre Ergebnisse. Überhaupt sei dieses seit drei Jahren bestehende dreitägige Festival für die tschechische Szene eine wichtige Nachwuchsplattform. Im Jahr 2017 werde das Thema etwa „Mehr als Nation“ sein, im Gegensatz zu einer rechtsextremen tschechischen Partei, die sich „Nichts als Nation“ als Motto gebe. Das Festival zeige Oliver Friljc, kooperiere mit Pact Zollverein – und präsentiere etwa „Work in Progress“-Projekte wie Friendly Fires Israel-Uganda- Recherchen.  Mc Laren zeigte eine Karte von Tschechien und seinen Nachbarländern und forderte auf, in Kontakt mit ihnen zu treten: „All diese Spielorte bieten Residenzen an und sind offen für Kontakt“, wenn auch mit unterschiedlichen finanziellen Mitteln und in einigen Ländern auch mit Restriktionen, wie etwa in Polen, Rumänien oder Ungarn.

„Internationales Arbeiten liegt seit den 80er-Jahren tief in unseren Genen“, erzählte Kristof Blom vom Genter Produktionshaus CAMPO, das weltweit für seine Kinder- und Jugendtheaterarbeit bekannt ist, nicht zuletzt auch durch die letzten Arbeiten mit Milo Rau oder Gob Squad. Blom erläuterte, dass CAMPO weit mehr sei als das, was man in Deutschland auf Gastspielen sehe. Die Arbeit basiere auf vier Säulen: 1. Die Konzentration auf Recherche und Entwicklung in Form von Residenzen, ein „Investitionsmodell“, in das sie Zeit, Geld und technische Unterstützung steckten, um langfristig in die Zukunft zu investieren. 2. Die Produktion: Im Gegensatz zu anderen Häusern wie etwa dem Kai-Theater in Belgien sei Campo auch „executive producer“, d.h. nicht nur Koproduktionspartner, und übernehme damit Verantwortung auf allen Ebenen: künstlerisch wie verwaltungstechnisch –„aber natürlich brauchen wir Koproduzent*innen.“ 3. Die Präsentation: Von September bis Ende Mai sei CAMPO eine Spielstätte, die eigene Arbeiten zeige sowie interessante Produktionen einlade, mithin „der beste Weg, jemanden kennenzulernen für spätere Zusammenarbeit“. CAMPO sei nachhaltige Zusammenarbeit äußerst wichtig. Die 4. Säule sei die Postproduktion: „Wir glauben zutiefst, dass es sich bei  Theaterarbeit nicht nur darum handelt, etwas zu erschaffen, sondern auch, es sichtbar zu machen.“ So kümmere man sich intensiv um Tourneeorganisation und darum, eigene Produktionen an Orte zu bringen, wo sie an Netzwerke anknüpfen könnten.

Von den drastischen finanziellen Kürzungen von rund einem Drittel seines Budgets im Jahr 2013 (von rund 60 auf 46 Mio. Euro jährlich) erzählte anschließend Piet Zeemann vom “Performing Arts Fund NL”, dem wichtigsten kulturellen Fonds der Niederlande für Musik, Musiktheater, Tanz und Theater. Im neuen reduzierten Bereich ihres Instituts konzentriere man sich seitdem vor allem auf die unmittelbaren Nachbarländer, Deutschland spiele da eine große Rolle. „Es geht in unserem Institut nicht nur darum, international zu arbeiten, sondern international zu denken.“ So animiere man die Künstler*innen etwa dazu, die gewährte Förderung von Anbeginn in internationale Koproduktionen zu stecken. Zeemann berichtete auch vom „Fast Forward“-Programm, das junge niederländische Talente mit prominenten internationalen Koproduzent*innen zusammenbringe, um anschließend ihre Arbeiten auch weltweit zu präsentieren. Wie man sich als deutsche Gruppe beim „Performing Arts Fund NL“ bewerben könne, wurde aus dem Publikum gefragt. Nach dieser Konferenz sei es wichtig, etwa eine Besuchsreise von Kongress-Teilnehmer*innen zu holländischen Koproduzent*innen und Theaterhäusern zu organisieren, antwortete Piet Zeeman: „Bevor man zusammenarbeitet, muss man sich kennenlernen“. Dirk Förster vom Lofft Leipzig fügte hinzu: „Oft ist es sinnvoller, Vernetzungen bei kleineren Festivals und Spielstätten zu starten, da man sehr viel schneller Kontakte knüpft und einen Überblick bekommt“.

Welche Unterstützung nötig sei, um das flausen+ Netzwerk international zu öffnen, fragte Moderator Michael Freundt, und fügte hinzu, ob dies nicht zugleich ein zu großes Vorhaben für das noch junge flausen+ Netzwerk sei.

Im Gegenteil – die internationale Arbeit sei eine unverzichtbare Voraussetzung, um flausen+ weiterzuentwickeln, erwiderte Winfried Wrede vom theater wrede+ (Oldenburg). „Wir brauchen den Blickwechsel. Ein freier, experimenteller szenischer Forschungsraum muss sich heute auch von der kulturellen Außenperspektive inspirieren lassen.“ Er erzählte von eigenen positiven Erfahrungen als junger Performer. Es habe damals so gut wie kein Geld für Gastspiele oder Koproduktionen oder gar einen internationalen Austausch gegeben, besonders nicht für die freie Szene, so sei ein offizieller Austausch oft unmöglich gewesen. Durch einen internationalen Austausch erhält man wertvolle neue Perspektiven insbesondere über eigene immanente kulturelle Klischees.  Mittlerweile setzt sich die Vorstellung durch, wie wichtig ein künstlerischer internationaler Austausch gerade in der heutigen gesellschaftlichen Situation ist. Dabei geht es nicht darum, nur Stücke auszutauschen, sondern um ein Miteinander-Arbeiten, denn nur in der konkreten Zusammenarbeit  kommt die gesamte kulturelle Unterschiedlichkeit zum Tragen, ein unermesslicher künstlerischer aber auch menschlicher Erfahrungsraum, der gar nicht früh genug beginnen kann. „Wir brauchen kleine Theater im flausen+ Netzwerk, die internationale Experimente wagen, und frühzeitig Gruppen und Künstler*innen einen intensiven Austausch ermöglichen. Davon profitieren alle, besonders  auch das Publikum zu Hause.“ Es sei  wichtig, fuhr Wrede fort, dezidierte Austauschprogramme gemeinsam mit den kleinen und mittleren Spielstätten und Expert*innen wie den Kollegen*innen vom ITI auszuarbeiten, zu finanzieren  und der freien Szene zur Verfügung zu stellen. Und flausen+ wird seinen Anteil einer frühzeitigen internationalen Vernetzung dazu beitragen. Ein wesentlicher Schritt dazu ist,  internationale Austauschprogramme zu bündeln, so dass man diese nicht mühselig über ganz Deutschland zusammensuchen muss.  Gerade für junge Künstler*innen , die häufig mit der jetzigen Förderpraxis allein für Deutschland überfordert sind, ein Muss, denn junge Künstler*innen können gar nicht früh genug an den internationalen Austausch herangeführt werden.

 

Angelika Fink, künstlerische Leiterin des Pathos-Festival in München, fragte  indes aus dem Publikum, wie denn ein kleines Theater reagieren solle, wenn sich eine große Struktur wie die Kammerspiele München Koproduktionsmechanismen der Freien Szene annäherten und dafür die Künstler*innen und die Gelder abwürben. Solche Bedenken konnte Kristof Blom von CAMPO nicht nachvollziehen: „Wir haben einen sehr guten und intensiven Dialog mit den großen Institutionen, mit denen wir Spielpläne und Themen koordinieren. Die großen Strukturen blicken auf uns als Inspirationsquelle für ihre Zukunft“. Sei das nicht auch eine Instrumentalisierung, wenn eine große Struktur eine kleine derart benutze, wandte Angelika Fink ein. CAMPO sei in der Hinsicht autonom, man stärke sich gegenseitig, so Blom. Ihn wundere, dass sich kleine Theater in Deutschland als „schwach“ und als „Underdogs“ bezeichneten. „Die kleinen Theater in Deutschland brauchen einen Perspektivwechsel und sollten ihre Flexibilität als Stärke begreifen“, so Blom, und Zeemann fügte aus niederländischer Sicht hinzu: „Unterschätzen Sie nicht ihre künstlerische Kraft“.

 

Im deutschen System mit seiner starken Zweiteilung von Stadttheatern und freier Szene sei dies jedoch schwer, gab Jan Deck aus dem Publikum zu bedenken. Internationaler Austausch werde hierzulande von den kleineren Theatern meist selbst geplant und finanziert. Es sei unumgänglich, Initiativen zu gründen wie etwa das 2015 gegründete Programm „Gastfreundschaften“, das 2015 von Zwei Eulen – Büro für Kulturkonzepte (Hamburg) und dem Dachverband Tanz Deutschland gestartet wurde, um den Austausch freier Theatermacher über Ländergrenzen hinweg zu ermöglichen.

Und genau das, war man sich am Ende der Diskussion einig, sei das Hauptziel des ersten Bundeskongresses des flausen+ Netzwerks gewesen: Kräfte zu bündeln und nicht zu warten, bis Förderer Programme auflegten, die dann womöglich nicht zu den Bedürfnissen der Theaterszene passten. Das flausen+ Netzwerk sei letztlich eine Selbstermächtigung, die von den Theatern selbst komme und eine optimale Weiterentwicklung freier Theaterkünstler und freier Spielstätten ermögliche.

 

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