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Logbuch #4 – Tag 20

19.07.12 / Johanna

Wetter: starker Regenfall, der unser Klamotten durchnässt, während die Sachen in der Bühne mühsam trocknen Sonnenschein, zum Feierabend wieder bewölkt
Arbeitszeit: 12:30 bis 19:30 Uhr
Stimmung: überdrehtes Frotzeln
Eindrücklichstes Bild: Maike und Franzie drücken wieder die Schulbank
persönl. Lieblingswort heute: Maß
Utopie: ersäuft
Lieblingszitat: ist NICHT „Ich bin heute nicht inspiriert.“

Wenn man schon durchnässt auf die Probe kommt, ist das kein gutes Omen für den Tag. Wirklich niemanden von uns hat der Schauer verschont. Unsere Hosen hängen deshalb wie besoffene Matrosen über der Reling, alle sind gereizt. Franzie föhnt gezwungenermaßen heute schon zum zweiten Mal ihre Haare, trotzdem hält sie sich wacker unter den Lebenden.

Zunächst probieren wir noch ein wenig weiter an den Möglichkeiten der Aufstellung im Koordinaten-System. Dabei treten Fragen zutage, die zwar nicht direkt mit der Aufgabe zu tun haben, doch die wir im szenischen Denken bisher am Wegrand liegengelassen haben: Spielt der wirkliche Beruf der Zuschauer für uns eine Rolle? Was sieht nach Arbeit aus und ist keine? Warum ist soviel Assessment/ HumanRessource/ Personalmanagement-Kram so esoterisch?

Ulli hat heute Einstellungstestverfahren recherchiert und den Big Five- Persönlichkeitstest in der schlanken Fassung mitgebracht. Maike und Franzie müssen bei dem Ankreuzfragenbogen Fragen zu ihrer Persönlichkeit, ihrem Allgemeinwissen, ihrem logischen Denken und ihrem Sprachverständnis beantworten. Sie fallen dabei symptomatisch in eine Klassenarbeitshaltung. Tatsächlich hat Bourdieu wohl recht, sowas schreibt sich in die Körper ein. Nach einer doch recht fixen Auswertung, entlarvt der Test zweifelsfrei, dass die Probandin Maike beim Beantworten der Fragen gelogen hat. Diese bestätigt das ihr Handeln bleibt jedoch konsequenzlos.

Wir verstricken uns in eine Diskussion über die Praktikabilität der Zettel und Ankreuztests. Eine Einigung in Bezug auf die Ernsthaftigkeit der von uns entwickelten Testverfahren wird nötig, ist aber nicht abschließend zu erzielen. Dabei habe ich sinnbildlich denn kritisch-schwarzen Hut auf, weil ich fürchte, eine zu große Ernsthaftigkeit lässe den Spaßfaktor und die Theatralität auf der Strecke. Letztendlich bringt es uns aber zyklisch an unseren wunden –weil ungeklärten –Punkt zurück: Was ist die Utopie?

Zwecks ersten Ansätzen einer Problemlösung brainstormen wir in Parkaue-Manier die Talente, die wir in der Utopie wichtig finden (auf die hin wir also unser Publikum assessen wollen). Dabei verlieren wir den Fokus und zerschwimmen in Dingen, die wir zwar großartig finden, die uns aber nicht in der Utopie voran bringen. Deshalb sieben wir noch einmal aus und können folgende Liste als Notwendig für unser Mirakel zusammenfassen: Geduld, Naivität/Zuversicht, langfristiges Denken, grüner Daumen, gute Cocktails mixen können, inspirierend sein – inspiriert sein, Leidenschaft, Humor, Gemeinschaftssinn, Rücksichtnahme, Verständnis, Schönschrift, Sensibilität fürs Detail, Timing. Als wichtigste Eigenschaft und extreme Neuerung für das Projektziel – weil wir bisher nie darüber gesprochen haben – kristallisiert sich Maß halten heraus. Dieses etwas altertümlich anmutende Wort beziehen wir sowohl auf die persönliche Arbeit als auch auf den Konsum jedes Einzelnen. Eigentlich wollten wir auch Kreativität auf die Liste mit aufnehmen, doch Ulli sträubt sich vehement gegen das „sinnentleerte Unwort“. Damit verstricken wir uns erneute in eine Diskussion über eben dieses Talent, was unserer Branche wohl am ehesten zugestanden werden kann, was keiner von uns aber wirklich beschreiben kann. Sollten wir ein Wörterbuch mit unseren Definitionen z.B. von „kreativ“ und „Maß“ herausgeben? Lohnt es sich kreativ zu arbeiten, wenn man sich uninspiriert fühlt?

Um uns heute nicht nur in Grundsatzdebatten zu verlieren, schlägt Maike vor, noch einmal unser Liste möglicher Test durchzugehen um eventuell eine Spur zu bekommen, welches Talent man mit einem bereits erarbeiteten Test schon aufdecken kann. Die Liste bringt mich zurück auf den Gedanken der gegenseitige Naturbeobachtung der Zuschauer. Ich überlege, eine Gruppe eine schwierige Aufgabe gemeinsam bewältigen zu lassen, während eine andere Gruppe dieses Vorgehen evaluiert (um auch dieses Unwort zu bemüßigen). Dieses Testverfahren wird in den nächsten Tagen zu vertiefen sein.

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