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Logbuch #23 Woche 3

internil
FRONTEN

In den vier Wochen ihrer Forschungsresidenz beschäftigen sich die Mitglieder von internil am Beispiel des Ukrainekonflikts mit den propagandistischen Potentialen unterschiedlicher Erzählformen. Für jeden der vier Arbeitsblöcke berichtet ein anderes Mitglied vom Forschungsprozess. Aber: Nach den vergangenen Logbuch-Versuchen aus jeweils ¼-Perspektive, hat sich die Gruppe ab der dritten Woche für 4/4 Perspektiven entschieden, hoffend der ganzen Wahrheit ein Stück näher zu kommen.

3. Block. Woche vom 20. – 24.6.16
Abschluss der Recherchephase. Festlegen auf die Inhalte der jeweiligen Erzählformen. Konkrete Arbeit an Erzählung Geschichte Bericht Märchen Schwank etc.

M.
Die anfängliche Entscheidung eine Propagandaversion mit biographischem Ansatz zu bedienen, zieht andere wesentliche Entscheidungen nach sich. Wenn man sich einmal für eine Setzung entscheidet, dann wird der Gaul nicht plötzlich zum Huhn. Einsicht über wiederholtes Probieren und Sammeln von realer Fehlerzählerfahrung.
Was folgte: Abstand von zu großem Ausschweifen innerhalb erfundener Erzählungen, die literarisch schmerzhaft und inhaltlich nicht zielführend sind. Besinnen auf wesentliche Ereignisse wie Augenzeugenberichte und den Kern, um den sich’s drehen soll: wesentliche bis dato nicht aufgeklärte menschenrechteverletzende Ereignisse während der heißen Phase vor Ausbruch des Bürgerkrieges in der Ukraine. Angst vor spezifischen Gewaltsituationen in krisenbelasteten Regionen auf globaler Ebene.
Analyse des Versuchs, der sackgassig verlief: lineare Erzählung entwickeln entlang des zuvor en detail recherchierten Zeitstrahls der Ereignisse (Fokus: Maidan-Schüsse, Odessa-Brand) – zu konstruiert, zu viele Infos, zu weit entfernt von emotionalem Kern, und jedes Mal weiter entfernt von irgendeinem Kern. Abstand nehmen von Versuch, drei sehr unterschiedliche Wiki-Versionen in einer Geschichte vorkommen zu lassen.
Um zu entknäulen, zurück zum Urschleim: Warum biographische Perspektive mit gleichzeitigem Versuch, sie fiktiv aufzuladen? Und wenn, dann wie? In welchen Erzählzusammenhängen glaubt man Augenzeugenberichten mehr? Bleibt mehr hängen, wenn man Gewichtung auf lebendiges Beweismaterial legt? Oder gewinnt der gut recherchierte Zeitungs- bis OSZE-Bericht? Wie gewichtet man in biographischer Erzählform den Anteil an mulitiperspektivischem Informationsgehalt gegenüber subjektiv Eindrücklichem? Wie arbeitet man mit Struktur der Geschichte, um größtmögliche emotionale Wirkung zu erzeugen, ohne dass der Versuch als solcher auffällt? Kurz: wie mache ich richtig gute Propaganda, die keiner hinterfragt, weil sie so viele offene Enden wie möglich befriedigt?

C.
Mo und Di habe ich Vorbereitungen für eine Präsentation (Di abend) getroffen. Dabei hat sich herausgestellt, dass noch eine Vielzahl künstlerischer Probleme zu bewältigen ist.
Technische Fragen:
Wie kann man die Sprachverständlichkeit beim Tragen einer Maske sicherstellen? Wie kann man Video, Musik und Schlagzeugroboter fernsteuern?
Künstlerische Fragen:
Welchen Ausdruck hat das Sprechen durch die Maske? Welche Rolle spiele ich als Performer in der Präsentation? Wie werden die Videos wahrgenommen?
Mi habe ich in mühseliger Recherchearbeit versucht, den technischen Problemen auf den Grund zu gehen. Ein Tonmeister hat einen anderen Mikrofontyp empfohlen, um die Sprachverständlichkeit zu gewährleisten. Man wird sehen.
Am Do habe ich meinen Arbeitstand mit der Mentorin diskutiert. Aus den Feedbackgesprächen von Di und Do hat sich nun die Idee einer Präsentationsform ergeben, die in den nächsten Tagen ausgearbeitet werden sollte. Der Zuschauer soll in diesem Rahmen eher in die Rolle eines „Zeugen“ gebracht werden. Daraus ergeben sich die Fragen:
Welche Medien sollen zum Einsatz kommen, um diesen Effekt sicherzustellen? Wie soll der Raum von Performer und Zuschauer benutzt werden?
Fr. Habe mich ausgiebig mit technischen Problemen herumgeschlagen. Außerdem habe ich ein Raumkonzept für die Präsentationsform entwickelt, das ich Mo oder Di ausprobieren möchte. Nun frage ich mich, ob diese Form auch auf andere Themen anwendbar ist. Vielleicht probiere ich das nächsten Di.
K.
Montag, 20.06.
– (wie) will ich eine Geschichte erzählen, die mir egal ist (Suses
Tiergeschichte)

Dienstag, 21.06.
– Die Reaktion der Armenier auf Franz Werfels „Die 40 Tage des Musa
Dagh“: „Wir waren eine Nation, aber erst Franz Werfel hat uns eine Seele
gegeben.“ Wem oder was will ich eine Seele geben?

Mittwoch, 22.06.
– kann ein Beamer-Surf-Trip-Vortrag gelingen? Wenn ja, auf welche Art?

Donnerstag, 23.06.
– muss Suse das gut finden, was ich mache?

Freitag, 24.06.
– mach ich jetzt pop für die oder was? wie viele Putinfreunde werden im Publikum sein?

A.
Was mich angeht
Meine Geschichte verfolgt zwei Ziele: Sprachlich und performativ halbwegs interessant den Prozess der Osterweiterung darzustellen und dabei aber politisch so tendenziös zu sein, dass das Vermittelte die Qualität der Vermittlung unangenehm macht (und umgekehrt). Im Zuge der Arbeit führen beide Ziele – gute Geschichte und fragwürdige Propaganda – aber zu unterschiedlichen Anforderungen, wenn eine Steigerung der „Qualität“ (also des Unterhaltungswertes im besten Sinne) die Eliminierung von Zeichen für Propaganda bedeutet, die auch mir selbst eine Distanzierung zur Geschichte erlaubten. Je besser ich also erzähle, desto gefährlicher und fragwürdiger wird die Nummer tatsächlich für mich als Performer. Die interessante Sache dabei: Was hat das für Auswirkungen darauf, wie sehr und wo ich den Kollegen, die mir das Feedback auf meine Erzählung geben, vertraue, wenn dieses Feedback zwar künstlerisch-handwerklich, aber nicht politisch-inhaltlich ist? Beim politischen Stoff sind sowohl das Übermaß als auch der Mangel an politischem Urteil verdächtig. Wie aber und wo wird das Maß selbst explizit?

Was uns angeht
Mit der Aufteilung in Themenfelder haben wir uns inhaltlich und formal sehr aufgespalten. Was wäre dann das weitere Ziel, um der Arbeit wieder einen gemeinsamen Rahmen zu geben? Gehen wir Richtung Gemeinsamkeit oder Vereinzelung, Aussöhnung oder Widerspruch? Oder beides gleichzeitig? Auf welchen Ebenen sollen die einzelnen Vermittlungsversuche, Geschichten, Materialordnungen in Kommunikation miteinander treten? Es sieht so aus, als hätten wir hier in Oldenburg nicht mehr die Zeit, uns damit zu beschäftigen.
Wenn sich zwischen den einzelnen „Geschichten“ tatsächlich Fronten entwickeln sollten, müssten sie sehr viel schärfer und dezidierter politisch, inhaltlich, formal Stellung beziehen. Aber ist das überhaupt wünschenswert und nicht vielleicht auch viel zu simpel gedacht? Einer der frühen Ansatzpunkte unserer Arbeit hier war es ja, keine Stellvertreterkriege zwischen uns zu simulieren oder darzustellen, sondern die politische Wahrnehmung und Affektivität des (imaginären) Publikums als das Feld zu begreifen, auf dem die Scharmützel des großen Infokriegs ausgetragen werden: Zwischen Mindfuck und Selbstproduktion entsteht die zeitgenössische politische Subjektivität. Dann aber findet das Stück erst beim Publikumsgespräch statt. Ist das für unsere letzten Tage hier und das „Making Off“ überhaupt noch relevant?

Was niemanden angeht
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