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Logbuch #23 Woche 1

internil

FRONTEN

In den vier Wochen ihrer Forschungsresidenz beschäftigen sich die Mitglieder von internil am Beispiel des Ukrainekonflikts mit den propagandistischen Potentialen unterschiedlicher Erzählformen. Für jeden der vier Arbeitsblöcke berichtet ein anderes Mitglied vom Forschungsprozess.

 

1. Block: Einrichtung und Recherche.

Grundfragen: Wie stellt sich unser Material dar? Welche verschiedenen Rechercheinteressen und individuelle Erzählweisen leiten uns? Was sind jeweils verbindende (teils systemische), was sind unterscheidende Elemente in Material und Präsentation? Wie und wo finden wir für jede von uns überhaupt einen Zugang und Ausgangspunkt zum Erzählen?

 

4 Tage.

 

Tag 1: Einstiegsgespräch, Diskussion und Verteilung von ersten Recherchefeldern, über die wir uns am folgenden Tag gegenseitig erzählen wollen: Praktischer Einstieg in die Grundstruktur der Forschung. Das ist die geheime Mobilisierung zum Stellvertreterkrieg im blinden Fleck der eigenen ideologischen Identität: Individualpluralismus: das große Geschlabber: die Krim als Sylt des imaginären Neugroßdeutschrussen.

Wir gehen mögliche ideologische Positionen durch: deutsch relativistisch, deutsch pro Putin (rechts), deutsch anti Putin (rechts), deutsch anti Putin (links), russisch pro Putin, russisch anti Putin (rechts), russisch anti Putin (links), ukrainisch nationalistisch, ukrainisch prorussisch, ukrainisch pro-EU… und wir haben noch gar nicht angefangen mit der Recherche. Keine objektive Wahrheit in Sicht – wer vom Krieg erzählt, muss und wird Position beziehen.

Wir stecken Recherchefelder für den Einstieg ab: Absturz der MH17, Maidan und die Scharfschützen, NATO-Osterweiterung und Wirtschaftsbeziehungen, „Der Janze Kriech“.

Wir merken uns Formate, die neben den thematischen Ansätzen zu untersuchen wären: Eine politische Position, die sich ausschließlich aus der Kommentar-Sektion von Welt und Zeit speist. Facebook als Organisations- und Propagandainstrument. Wikipedia-Live-Editwars als ultimatives Diskurstheater. Beweismittel Biografie. Jeder seine eigene kleine Trollfabrik.

Grobe Einteilung von Formen des für uns relevanten Erzählens: mit technischen Gadgets = multiperspektivisch, ausschließlich mit dem eigenen Körper = persönlich, mit medialen Hilfsmitteln = journalistisch. Was erzählt, neben dem Erzählten, die Erzählweise? Was erzählt die Chronologie und Kombination von Erzählweisen, also ihre Dramaturgie?

Wir schreiben Geschichte.

 

 

Tag 2: Körper aufwärmen, Stimme aufwärmen, Trainingscamp-Phantasma aufwärmen.

Gegenseitige Präsentationen einer ersten knappen Rechercherunde umreißen das Spannungsfeld zwischen Gelingen und Scheitern. Letzteres ist unterhaltsamer und enervierender, desavouiert aber die Erzählinhalte. Formale Bookmarks: 1. durch offensives Halbwissen die eigene Erzählung untergraben, die Verschwörung als Brosame im Nebensatz streuen (nicht selbst die VTler sein, sondern die Zuhörer zu welchen machen!), 2. immer so tun, als wisse man Bescheid, Aufklärung als unmögliches Joint Venture verschiedenster Institutionen, zusammengehalten nur durch den Gestus der Gewissheit und des vorausgesetzten gemeinsamen Interesses, 3. Desinformation durch eigene Desorientierung: Verrat des vom Erzählenden zu bedienenden Führerprinzips im Gestrüpp des Assoziativen, 4. Souveränität durch enthusiastisches Infoteppichgeklöppel, darin: die Invasion der falschen Wörter.

Wie umgehen mit Zeitlichkeit? Die jüngere Vergangenheit ist zu alt für Aktualität und zu jung für ein „historisches“ Erinnern. Aus der Zukunft die Gegenwart erzählen, aus der Vergangenheit heraus die Zukunft erzählen.

 

 

Tag 3: Körper aufwärmen, Stimme aufwärmen, Trainingscamp-Phantasma aufwärmen.

Vertiefte Recherche und Überprüfung der Felder auf potentielle Erzählungskeime. Aufgaben: Erzählhaltungen bewusster machen, Umgang mit dem assoziierenden und vernetzten Springen finden, das für Internetrecherche charakteristisch ist. Verstärken, Auflösen in Linearität oder Kreisbewegungen? Wenn Linearität, welche? Chronologie, Kausalität oder das Mitreißenlassen im Linkfluss von Mündung zur Quelle? Die große Aufgabe für die Zukunft: Mit Erwartungen der Zuhörer rechnen, spielen und sie zur Manipulation benutzen.

 

 

Tag 4: Körper aufwärmen, Stimme aufwärmen, Trainingscamp-Phantasma aufwärmen.

Wieder Präsentationen: 1. Ad hoc komponiertes Erzählen zwischen Stimme, Videotrack und Dirigat: ein Format, das die Elemente und ihre formalen Beziehungen ausstellt. Gleichzeitig der Bruch des Unfertigen. Mögliche Dramaturgie von Fehlschlag zu immersiver Propaganda, wenn die Form in Mitteln und Inhalten verschwindet. 2. Format Wirtschaftskrimi, was ist relevant, was nicht? Krimiregeln greifen in dieser Art der Geschichte, Zuhörer werden als potentielle Ermittelnde in die Identifikation mit dem Erzählenden und so in die politische Grauzone gelockt: Ideologie der Indizien. 3. Das Biographische als Strategie des Bewahrens, erlebte Geschichte, Fakt und Fiktion. Welche Informationen gehen in der Beschränkung auf die Ich-Perspektive verloren, was sind die Unterschiede zwischen realistischer Geschichte, „guter“ Geschichte und unglaubwürdiger Perspektive?

Vorbereitende Absprachen für den ersten Tag des kommenden Blocks, wenn wir mit unserer Mentorin ins praktische künstlerische Erzählen einsteigen.

Keine sachlichen Inhalte, keine persönlichen Details. Solches nur live, unter Körpern.

 

 

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