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Logbuch # 17 – Woche 4

Erzählung / These: Der Hausstand erzählt sich selbst.

Diese Woche wird der Erzählung gewidmet. Es werden in dieser Woche kleine Szenen und kleinere Erzählbögen erarbeitet, bei der die atmosphärische Wirkung im Vordergrund steht. Der Raum, die Anordnung der Objekte, performative Handlungen und Musik sollen in komplexe Atmosphären überführt werden, die das Leben vom einstigen Besitzer des Hausstandes erfinden. Die Leitfrage dieser Woche ist, wie die von uns entwickelten Erzählstrategien in ein Format überführt werden können. Was bedarf es für eine zeitliche oder auch räumliche Rahmung? Wie schaffen wir ein Oszillieren zwischen Ausstellung, Aufführung und Konzert? Wie schaffen wir es, dass die Dinge eine eigene Geschichte erzählen und wir nur als „Sichtbarmacher“ und Unterstützer agieren?

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Theorie: Das Ding – Träger unbekannten Lebens – Objekttheater
Wie kann man ein Objekt bestimmen, in Bezug setzen zu wen od. was?
– Das Objekt ist nicht länger ein Theaterrequisit und ebenso wenig ein formgewordenes bildnerisches oder ästhetisches Konzept. -> viel mehr Ausgangspunkt für die Frage: „Wer spricht und worüber?“
– Objekt spricht eigene Sprache
– gemeinsame Existenzbedingung von Subjekt & Objekt
– Sprache: Wörter können nicht eine veränderliche & widersprüchliche Realität erfassen oder wiedergeben -> aber das Bild kann heterogene Elemente in sich vereinen
– Abwerfen der reinen Zweckbestimmung, die von realistischen Konventionen bestimmt wird -> Spiel mit surrealistischer Ästhetik der Collage und der spielerisch unerwarteten Verfremdung des Objekts
– bildnerisches Theater von Theatermacher wie Brook/Kantor/Wilson ist nah an der Poetik des Objekts
– Durch Medien / Bilder / Projektionen verwischt Distanz von Schauspieler & Objekt (Verwischen Grenzen von Realität & Vorgestelltem)
– Suche nach Theatersprache, die über den Diskurs der reinen Darstellung hinaus geht, um einer metaphorischen & emotionalen Sprache Platz zu machen
– Kann eine Tasse einem Gefühl gleich sein?
– stellt der Fokus auf das Objekt die Rolle des Schauspielers in Frage?
– Theater ist der Ort an dem der Zuschauer den Zeichen, die offen sind für alle Deutungen, eine Gestalt gibt.
– Stärke des Objekttheaters -> neuer Einsatz des Schauspielers – dieser steht nicht auf der Bühne um materielle psychische Realität / Identität  zu behaupten.
– Kontinuität der Darstellung eines Charakters wird ausgelöscht durch die Anwesenheit mehrerer Körper, die ihre eigenen Geheimnisse haben.
– Partielle Anwesenheit des menschlichen Körpers – Schauspieler wird zum Objekt:
– blinde Kreaturen / unstete Körper in schwankendem Gleichgewicht
– Körper in ständiger Verwandlung
– Körper die sich in stilisierten Gesten bewegen (ähnlich im Tanz)
– in Zeitlupe bewegend, verzögert, zwanghaft wiederholt…
– wiederholte Gesten die Körper ins Ungleichgewicht bringen
– fragmentarische Körper auf Leinwand – Klone von Realität
– alles was unvereinbar ist mit Realität  (Wilson) – zeigt andere Welt, als die, die wir kennen
– weg von Logik natürlicher Bilder
– der moderne Schauspieler = breites Objekt (Kantor)
– Schauspieler kann Wortmühle sein, tanzender Körper, Träger eines nackten Textes -> er ist ziellose Präsenz, die sich zwischen vielen undurchdringlichen Bildern bewegt.
– Körper + Objekt = Glieder einer imaginären Kette zu einem Monument auf der Bühne
– selbst die Nacktheit macht den Körper nicht wahrhaftiger…

Sprache/Stimme

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– Darsteller ist auf der Bühne zugleich anwesend & abwesend -> bekommt wie Objekt eine Präsenz, die von ihrem eigenen Bild oder ihrer eigenen Stimme entfremdet ist.
– daher auch Verfremdung der Stimme – Deformation – ermöglicht Sprache der Vögel, Götter, etc. zu sprechen -> eine Sprache & Stimme die Bilder hervorlockt, die im Schatten der Wörter sonst verborgen sind.
– Schauspieler wird zur Leinwand -> Fläche für unterschiedliche Projektionen -> verlassen der theatralen Rede
– Schauspieler lernt Schweigen auszudrücken
– … erfindet verzerrte Laute
– … spielt mit Aufzeichnung seiner Stimme
-> somit nach und nach Annäherung an die Puppe, den  stummen Schauspieler, dessen Lebensenergie stets von einem anderen Körper, einer anderen Materie entstammt.
– Transformation von Stimme durch Schichtung disperater & überschneidender akustischer & emotionaler Realitäten -> somit wird unkontrollierbarer Raum geschaffen, der weder zum Schauspieler noch zur Figur gehört.
– ermöglicht einen neuen Umgang mit Text – Text wird hier zum Subtext, vermittelt durch Stille, Geste & Bild.
– Wilson: „… ich möchte eine Maschine sein. Puppen können frei von Verstand und Gefühl handeln…. erlauben es dem Publikum, sich in die Lücke einzufühlen -> fordern aktive Teilnahme an Geschehen auf Bühne
– eröffnet Fragen nach Verhältnis von Mensch &  Maschine, Realität & Fiktion

Fragen:
Gibt es einen Unterschied von Präsenz & Atmosphäre?
Ist das Ding untrennbar von seiner Bestimmung?
Kann ein Gedanke ein Ding sein?

DING:
– in verschiedenen Kulturen DING-MENSCH magisch-religiöses Ritual
-> Dinge bekommen magische Kraft zugesprochen
-> menschliche Eigenschaften werden symbolisch auf das Ding übertragen
-> Dinge könne dabei auch Götter repräsentieren
-> Dinge übertragen Energie
– Im Ritual werden Dinge bewegt, Texte dazu gesprochen, nach bestimmten Regeln angeordnet, gesungen, meditative Stimmung
-> hier ist Ding = Mittler zwischen Mensch & numinoser Macht
– Repräsentation von Menschen durch Dinge -> Totenkult

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Animation:
– Animation = Verleihung von Wesenseigenschaften an das leblose Objekt durch das tätige Subjekt
– aufheben von Passivität und Indolenz durch Bewegung
– Objekt bewegt sich, reagiert, verhält sich scheinbar selbstständig -> lebloses Objekt lässt sich lebendig imaginieren  -> kann somit im theatralen Zusammenhang als Subjekt agieren.
– Bewegung = Kriterium für Leben
– Zusammenspiel von lebendigem Leib und lebloser Materie öffnet der Wahrnehmung Zwischenräume, die gewohnte Denkmuster hinterfragen.
– ANIMA = SEELE!? -> meint evtl. vielmehr das Animalische, tierische, dionysische -> als Gegenpol zum rationalen Begreifen
– Schauspielleistung: zurücktreten,  Bewusstsein entwickeln für die Aura der Dinge.

– Im Objekttheater werden Gegenstände nicht verändert
– Objekt wird zum Gegenstand einer Kultur die zeitlich & räumlich eingrenzbar ist.
– Objekte sprechen von unserem Leben, sie fügen die Einzelteile wieder zusammen und schöpfen aus den Ursprüngen und Kindheit -> Legenden unserer Ursprünge erwachen
– Dinge mystifizieren unsere Existenz & geben uns ein Fundament in der Welt

Musikobjekte:
– einmal in Bewegung versetzt haben sie eine eigenständige Dynamik -> können Akteure in ihrem Rhythmus zwingen
– Verbundenheit zw. Musiker & Klangobjekt ; Kosmos klanglicher und visueller Interaktion hängt von Neugier, Aufmerksamkeit, für Objekte ab.

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SUBJEKTIVIERUNG DES OBJEKTS / OBJEKTIVIERUNG DES SUBJEKTS

Leszek Madzik:
„Um die Wirklichkeit zu erreichen muss der Mensch jeden Versuch aufgeben, sich in Worten auszudrücken und sich dem Rhythmus und dem Spiel der Ereignisse hingeben, die vor seinen Augen stattfinden. Wenn man sich auf diesen Rhythmus und auf dieses Spiel einlässt fängt man an in Bildern zu denken“

EXPERIMENTE

1. Atmosphärischer abgeschlossener Raum – BUDE/Gartenlaube

– musikalische Grundatmosphäre über kleine Lautsprecher im Häuschen und große PA von außen
– Spiel zwischen den Lautsprechern die direkt in die Hütte schallen, den Lautsprechern im Raum und den live-klängen.
– klangliche/musikalische Gestaltung mit Cello, elektronischen Sounds, Alltagsgeräuschen und Geräuschen, die direkt in der Hütte aufgenommen werden
– Spiel mit Klängen die vorher aufgenommen worden und Klängen die im Moment aufgenommen und wieder abgespielt werden
– Verwendung von Effekten und assoziativen Klangmaterial das mit Zeitwahrnehmung spielt: Flächen, Wiederholungen, Loops, Springen zwischen Klängen die bereits verklungen sind und gegenwärtig Gespieltem, Motive des Stillstands, konkrete und abstrakte Geräusche …
– Verschiedenste Formen der Interaktion mit dem Raum über Licht: mit Taschenlampe,  den Raum abtasten; mit dem großen Scheinwerfer verschiedene Ecken anleuchten; mit Lichtintensitäten spielen; verschiedene Lichtquellen im Raum selber an und ausschalten
– Performerin, die Dinge im Raum bespielt: Geräusche und Klänge mit den Dingen im Raum erzeugen; theatrale Standbilder/Momentaufnahmen; kurze Handlungen und Aktionen; in Figur verwandeln mit Hilfe von Kostümteilen; zwei Performerinnen, die im Raum interagieren
– über Lautsprecher in der Decke des Raumes hört man ein Stimme, die die Dinge im Raum in ihrem Wert einschätzt und einen Preis zum Verkaufen vorschlägt – Flohmarktatmosphäre
– jedes einzelne Teil wird hervorgenommen und bewertet
-> Raum = Biotop -> Irritation wenn plötzlich Mensch das Biotop stört (Eindringen in den unbescholtenen Raum – Zerstörung/Splitterung – vorherige Harmonie reibt sich an der Figur)
-> Durch Störung wird Konstruktion des Hauses offengelegt, was auch mit dem Maßstab zu tun hat. Wo der Raum vorher als stimmig empfunden wurde, stimmen mit Eindringen des Menschen plötzlich die Proportionen nicht mehr – Mensch ist viel zu groß.
-> Jede Bewegung im Raum erzeugt eine Reibung/Störung – wirkt fremd im „Biotop“ – weil es die Konstruktion offenlegt. Jedes eindringen in den Raum verändert die Atmosphäre sehr stark
-> statische/bildhafte Momente dagegen sind harmonisch und homogen
-> Störung auch bei zu viel Licht – Hässlichkeit der Dinge und ihre Zusammenhanglosigkeit wird offenbart, so auch die Künstlichkeit des Hauses
-> Der dunkle Raum dagegen hat seine eigene Schönheit, weil er die Dinge nicht offenbart, sie bleiben verschleiert – Phantasie und Vorstellungskraft gestalten mit.
-> Spannend sind die Abstände und Distanzen der Performer zum Raum – „Biotop“ bleibt geschützt für sich – dennoch gibt es eine Verbindung, die Manipulation von außen
-> gewisser Abstand zum Betrachtungsgegenstand – Raum wird als Ganzes/Eigenständiges wahrgenommen
-> Performer im Raum vs. Figur im Raum
-> Mit Alltagskleidung bin ich jemand, der einfach nur Prozesse in Gang setzt und Dinge und ihre Geräusche erforscht = abstrakte Handlungen
-> Im Kostüm bin ich Figur, auf die sich der Raum bezieht – ich gehöre dazu und bin kein Störfaktor. Geräusche entstehen aus einer als real erscheinenden Handlung heraus.

2. gemeinsames DIAs-Anschauen mit fiktiven Person in Form einer Lautsprecherfigur

– die Spannung entsteht in der Interaktion von Performer und Lautsprecherfigur auf selber Höhe – Performer belebt dadurch das DING
– Spiel mit Zufallsmomenten – Puppe gibt vorher aufgenommene standardisierte Kommentare zu  live gesetzter Bilderreihenfolge dazu live-Kommentare vom Performer
– Subjektivierung des Objektes Lautsprecher/Stuhl/Kleidung….durch die menschliche Stimme –  bekommt Eigenleben.
– Objektivierung vs. Subjektivierung: Mechanische Stimme = Entmenschlichung vs. Interaktion und reelle Kleidung womit Puppe belebt wird.
– Lautsprecherfigur ist autarker als Performer, der hier mehr Zuspieler ist und sich eher der Puppe unterwirft, sie in den Mittelpunkt stellt. – Verlauf und Gelingen dieser Szene ist aber abhängig vom Performer und dessen Rhythmus.
– Komik: Figur hat nur eine Funktion. Sie kann nichts als Sound abspielen. Sie hat aber viele reale äußerliche Eigenschaften, die sie sehr menschenähnlich machen, nicht zuletzt wegen der Frauenstimme die aus dem Lautsprecher kommt. Sogar Lautsprecher hat fast Kopfform – das macht Interaktion so interessant.
– Lautsprecherpuppe wird lebendig durch den Umgang mit ihr als wäre sie reale Figur.

3. Sonnenschirm-Tanz
– Akteure treten als Performer mit Schirmen auf und verschwinden dann hinter diesen und animieren sie.
– Schirme bekommen Eigenleben – man vergisst die Akteure dahinter
– Personifizierung des Objekts – Ausbildung von Charakteren über Materialität, Bewegung und durch die Geschichte, die erzählt wird. Hier sehr klar – Kennenlernen, Annäherung und Kopulation der Schirme.
– Animation vs. Eigenleben – es ist spannend den Akteur hinter den Schirmen ab und an durch ein Loch im Schirmstoff oder durch günstigen Blickwinkel zu erspähen.
– Neues Materialerlebnis – Schirm wird in neuem Kontext gezeigt
– Zweckentfremdung eröffnet neue Assoziationen z.B. Qualle
– Visuelle Wahrnehmung entspricht nicht der körperlichen Anstrengung, solange sie im Verborgenen bleibt.
– Erst die Bewegung macht das Ding lebendig
– Komik liegt in der Auflösung – Akteure werden wieder sichtbar. scheinbar ohne Bezug zu der vorangegangenen Szene. Akteure sind nur verschwunden haben sich nicht in Schirme verwandelt.

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