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#37 Du Dada wen i dodo (AT) Logbuch Woche 1

Präambel

DIES IST DAS LOGBUCH DER RESIDENZ
HURRAHHH!!!
Wir bezeugen, dass wir alle anwesend sind. In Geist, Körper, Gedanke, Gefühl und Sensation. In allem, was unsere zuweilen geschmeidigen, dann wieder rumpeligen Organismen so zu bieten haben.

Wir bezeugen, dass dieses Logbuch im Sommer, genauer gesagt Ende Juli 2018 auf diesem irdischen Planeten mit der Lokalbestimmung Marburg an der Lahn an einem etwas kühleren Morgen gegen neun Uhr mitteleuropäischer Zeit plötzlich begann.

Es begann zu einem spezifischen, genau geplanten Zeitpunkt, der sich eher zufällig und fast wie beiläufig ergab. Es begann, wie so vieles beginnt: Auf einem weißen Schirm blinkt ein schwarzer Balken pausenlos, worauf von links nach rechts sich, entlang der Bewegung deiner Augen, schwarze Zeichen in ein blankes Feld setzen. Am Ende der Zeile angelangt, entsteht dann eine
Bedeutungskette,
in diesem Fall:

DIES IST DAS LOGBUCH DER RESIDENZ. UND SO FING ES AN.

. . .

Wir bezeugen, dass wir uns zu diesem Zeitpunkt im von der Nacht noch feuchten Garten tummelten, den Schlaf mutwillig grob aus den Augen gewischt. Helios brutzelt als gäbe es kein Morgen. Elisabeth pflanzt sich gerade etwas Orchideen-Artiges in den vorderen Schneidezahn.

Fachfräuleinmäßig gräbt sie eine kleine Kuhle um die Wurzel herum frei, füllt sie sodann mit schillerndem Material und klopft die Erde wieder fest. Ihre goldene Miniaturschaufel glitzert dabei vielsagend in der Atmosphäre.

Gegen die Angst, ruft sie und zwinkert ins Himmelblau, gegen die Angst, noch einmal, ich telefoniere wie wild mit den Doktoren dieser Welt!

Und in der Tat: Im Hintergrund sieht man Vega gelassen auf- und abspazieren in der Hand ein überdimensionales großes rotes Telefon, auf dem Kopf einen bienenstockförmigen Hut aus Hühnerherzen.

HURRAHHH! ruft Verena da, so ein Garten an der Lahn, HURRAHHH!!, SO LÄSST ES SICH RESIDIEREN! Sie tanzt ihren Namen dabei auf zwei wackeligen Stühlen, lässt kein von und zu aus und rotiert einen alten, labberigen Autoreifen professionell um ihre Hüfte. Christoph indessen, wie immer auf einem kleinen Erdhügel kopfüber stehend, lutscht an seiner Goldkette und bläst kryptische Silben durch die Nase. Bei all dem blieb letztlich nur Henrieke halbwegs cool, zeichnete ein geheimnisvolles Lächeln in die Luft und platzierte nur mittels Gedankenkraft einen Blueberry Muffin direkt in ihrem Mittelohr. Natürlich alles Phantasie, dachte sie so laut, dass der Höllenverkehr um den Garten herum plötzlich kurz stockte. Dann schlängelte er sich weiter in seinen ewig kreisenden Bahnen.

Jaja, das deutsche Straßennetz, jaja, so war das also, als das LOGBUCH BEGANN. . .

Dieses Logbuch spricht direkt zu dir, durch diesen Trichter, der sich Schrift nennt. Dieses uralte Füllhorn spricht zu dir, lieber REZIPIENT. Wer du bist, ist unklar. Wer diese vier Gestalten sind, ebenso. Und wer hier spricht, wird noch am wenigsten auszumachen sein, zumal im Verlauf. Wir werden also sehen müssen, wer hier wem, was zu erzählen hat. So viel ist aber sicher: Das Logbuch ist Teil des Prozesses. In diesem Prozess wird es eine große, grobe Erfindung geben, die bestimmt ganz winzig und feingliedrig gewesen sein wird. Infrawinzig und filigran, um genau zu sein.

Was erfunden geworden sein wird, ist noch nicht auszumachen. Vielleicht auch niemals. Oder erst in ca. 500 Jahren. Wenn es dann allerdings schon Zeitmaschinen gegeben haben sollte, kann es durchaus sein, dass die Erfindung erst in grauer Vorzeit möglich wurde. Dabei ist unklar wie weit nach vorn in dieser Vorzeit und ob schon Menschen existierten, die das dann noch beobachten konnten.

Die Gesamtlage ist also verzwickt oder wie man heute gerne sagt: hochkomplex. In Ermangelung eines besseren Namens für dieses unklare Geschäft, setzen wir auf das GEHEIMNISPRINZIP, und nennen es hier einfach, der Verständlichkeit zuliebe: (c)NEO_DADA.

Ein Manifest folgt auf dem Fuß, jetzt jedoch noch nicht, denn wir sind noch nicht einmal bei der Augenbraue.

 

 

 

Tag O: Kontext

HITZE!!! posaunten wie aus der Pistole geschossen alle Wesen im Chor. Das Gras ächzte, die geschrumpelten Früchte fiepten und so funkte auch die Menschenwelt: ALARM!!!

In der Tat. Dieser Sommer war der Jahrhundertsommer der Hitze. Überall konnte man lesen und hören: Hitzealarm, Hitzeschlag, Hitzetod, Hitzefrei, Hitzehoch und Sturmgewitter, Flächenbrand in Griechenland. Überhaupt überhitzte Gemüter, tagesaktuell, WARNUNG VOR DEM HITZEKOLLAPS meldet der Newsticker allüberall, stetig heißer wurde es und so waren auch die letzten Zweifler überzeugt.

Bloß keine Bewegung, hieß es da, einen kühlen Kopf bewahren, tagsüber die Türen zu und abends stark lüften.

Viele waren schon umgefallen vor lauter Hitze, das war kein Spass: Zuvor ging es schon im Hetzefrühsommer 2018 direkt vor dem Sommerloch einigen Leuten an den Kragen, wieviele weiß man nicht, mindestens jedoch 69. Alle Übrigen machten rücksichtslos Badeurlaub im Mittelmeer und fuchtelten mit ihren smart devices. Nur Söder, die Quietscheente aus Bayern hatte endlich gelernt sich zu benehmen und trat jetzt wohlgescheitelt auf. Auch Horst feierte den Rücktritt von seinem Rücktritt in einem eigens für ihn angelegten Seniorenstift, der lustigerweise den selben Namen trug wie der Bundestag, nämlich Bundestag.

Hier versammelten sich alle hochkarätigen ehemaligen Führungskräfte bevor sie aus ihrer Umlaufbahn geschossen wurden und in das große schwarze Sommerloch stürzten.

Zeit für Muße also.

 

Und so begab es sich, dass der Zeitgeist wieder einmal lautstark von sich Hören machte und nach der 1001sten brandaktuellen Konferenz zur unglaublichen Aktualität einer jubilierenden Kunstströmung des 20. Jahrhunderts, die er durch neue Formate und Wissensformen, transdisziplinäre Workshops und experimentelle Veranstaltungshinweise der Öffentlichkeit in einfacher Sprache zugänglich gemacht hatte, durch sein großes digitales Megafon glockenklar tönte:

HURRAAHHH!!!!DADAISMUS!?HURRAH!!! Herzliches Jubiläum, gerade noch 68 und jetzt DADA! Das ist brandaktuell und genau 100 Jahre her, die gegenwärtige Situation ist doch genau wie damals zwischen den Weltkriegen! Wenn alle nur noch Nonsens reden, lohnt sich das doch!

Wir atmeten auf.

Hurrah!!! riefen da auch wir und waren froh den Zeitgeistwillen so zielgenau antizipiert zu haben und noch einmal davon gekommen zu sein.

 

 

 

Tag 1:

Im Anfang war die schwarze Kiste. Dieses seltsame Ding, das da Bezeichnung ist für: Flugschreiber, Bewusstseinsschranke, Unfallanalyse, erbeutetes Feindgerät mit möglicher Sprengkraft, Bühne sowie Sarg.

Wikipedia sagt:

Allgemein ist eine Black Box ein Objekt, dessen innerer Aufbau und innere
Funktionsweise unbekannt sind oder als nicht von Bedeutung erachtet werden. Von Interesse ist vielmehr nur das Verhalten der Black Box, die über definierte Schnittstellen eine bestimmte Funktionalität sicherstellt. Die Motivation bei der Verwendung des Begriffs tendiert zu das Innere interessiert (jetzt) nicht, auch wenn er manchmal im Sinn von wir wissen es (sowieso) nicht verwendet wird. Diese Herangehensweise wird oft verwendet, um die Komplexität des Beobachtungsgegenstandes zu reduzieren. Das bewusste Weglassen von detaillierterer Information (Tiefeninformation) wird auch als Geheimnisprinzip bezeichnet. Der Systembearbeiter erhält dadurch einen energetischen Vorteil, den er für andere (theoretische und praktische) Belange verwenden kann.

Es ist seltsam IN einer Blackbox zu sein. Es ist seltsam, es ist seltsam!! HuRRAH!!! brüllt es aus der Blackbox direkt in die Blackbox unserer Gehirne. Wir machen erst einmal das Arbeitslicht und die Lüftung an. Die Lüftung erzeugt einen Riesenlärm, wie eine Turbine. Das hat den Vorteil, dass man den Verkehr von der Bundesstraße nicht mehr hört. Wir könnten uns jetzt auch auf einem Tauchvorgang in der Tiefsee befinden. Die abgestandene, stickige Luft beginnt zu zirkulieren und der Geruch von erhitztem Plastik und Linoleum weht einem in die Nasenlöcher. Wir wischen uns die dünnen Schweißperlen von der Stirn , essen jeder jeweils eine Banane und seufzen lautstark.

Wo und wie beginnen?

Das Arbeitslicht ist immer noch zu schummerig und so muss jemand die steile Leiter hoch zum Technikturm erklimmen, um die restlichen Sicherungen einzuschalten. Dann ist mehr Innenlicht, die Außenwelt wie weggesperrt, reine Phantasie, was da jetzt draußen passiert.

Wir unterhalten uns über dies und das, lose Ideen, Gehirnsturm und Denkpanzer. Ein bisschen ist es wie bei einer Jazzimprovisation: Auf die gelernten Harmonien und Dissonanzen sozialer Kommunikation folgen längere Solopassagen und Ideenmonologe. Die Einsätze sind noch etwas Kraut und Rüben, aber das wird schon, haben wir im Gefühl. Oder ist Kraut und Rüben gerade produktives Prinzip?Freejazz also, Quietschen und Jaulen was das Zeug hält? Im Dunklen sticken und im Hellen stochern? Auf der Bühne steht eine große gold- gelbe Plüschcouch. Sie ist überdimensional und sieht aus, als sei sie mit der Haut dieses Drachens aus der unendlichen Geschichte überzogen. Wie heißt der nochmal, fragen wir uns? Fuchur, fällt es dann ein.

Wir wissen nicht, wie wir uns dem großen NEO_ DADA nähern sollen. Das große NEO_DADA versetzt in Aufruhr. Das große NEO_DADA flößt Respekt ein. Wie sollen wir einen so winzigen Punkt im Universum ausmachen noch dazu über eine Zeitspanne von rund 100 Jahren?

Wenn man heutzutage etwas sagt, muss man immer die ganze Welt mit meinen. Und immer wenn man irgendwo anfängt, zerbröselt es in Sekundenschnelle. Das ist viel zu anstrengend. Und ziellose Anstrengung ist Blödsinn zumal im Jahrhunderthitzesommer 2018.

Dagegen wollen wir: Kühles Plätschern der Phantasie am Rande des Sinnhaften, Wortberge und Formskulpturen, die nicht zu entziffern sind, aber dafür wirken.

Fantastisches als Praxis. Fantastische Praxis als Existenzweise.

Wir stellen uns ein großes Skelett vor aus atemberaumbendem Material, das den Raum der Blackbox komplett einnimmt. Wir stellen uns als Arbeiter*innen im Dienste des Skelettsstaats vor, aus dem ein schillerndes Wesen werden soll.

Wir wollen kindlich sein, aber eben auch so brutal wie Kinder.

Es fallen eckige Sätze in die Runde, die bleiben und werden aufgeschrieben.

Kunst ist ein Spiel mit ernsthaften Problemen.

Ich habe alles gesagt.

Ich arbeite gerne mit Nichts.

So : what?

Input : Output – Relation.

(Bitte ergänzen)

 

 

 

TAG 2

Die Gruppe zerstreut sich und es wird wieder finster in der BLACKBOX.
Was macht die BLACKBOX, wenn wir nicht in ihr drin sind?
Ist sie überhaupt da, wenn wir nicht drin sind oder sie beobachten? Geht es der Blackbox, wie Schrödingers Katze? Oder sind wir die Katze, erst lebendig, wenn von der Blackbox beobachtet? Oder führt diese aufwendige Berechnungen unterhalb der Wahrnehmungsschwelle durch,wenn niemand darauf achtet? Verändert sie sich grundlegend, während ihr Äußeres gleich bleibt?

Wenn wir die BLACKBOX als Modell nehmen, drängt sich eine Frage auf:

Bei einem Experiment, wo man nur auf Input und Output achtet, während die Funktionsweise des informationsverarbeitenden Systems undurchsichtig bleibt, woher kann man wissen, dass das System nicht mutwillig den Output manipuliert? Wir stellen fest: Das ist eine zu komplexe Frage. Also setzen wir auf das GEHEIMNISPRINZIP.

Wir sagen: Zuerst ist nichts da und am Ende soll NEO_DADA in seiner vollen PRACHT erscheinen. Was dazwischen passiert, bleibt notwendig erst einmal kryptisch.

Wir schwärmen aus. Wir begeben uns auf Stadtrecherche, suchen nach Alltagsdada z.b. # rauchende Frauen in Shishabars, die versuchen ihr Smartphone zu hypnotisieren, Alkoholiker, die dich fragen, ob sie dir den Weg erklären können, weil dein Smartphone dich hypnotisiert hat, während du nach einem Kaffeeladen suchst. (bitte ergänzen)

Wir suchen nach den kaum zu glaubenden Momenten im Alltag. Die Seltsamkeit des Wirklichen als OBJET TROUVÉ.

Plötzlich geht in der Dunkelheit der Blackbox ein Licht an. Es ist das Licht eines Bildschirms, auf dem eine Dokumentation über den Dadaismus gezeigt wird. Man hört urdeutsche Jodelmusik, preußische Märsche und Wiener Walzer und immer wieder die Worte: DADADADADADADAD! Wie eine Maschinengewehrsalve. Man sieht Männer mit Bärten und Spitzhauben auf-

und abmarschieren und alte Künstler- Männer Interviews geben. Langsam beginnt sich der Laptop im Kreis zu drehen und beleuchtet einen Torso, der dies ebenfalls tut. Immer schneller. Die Bewegung bricht nach nach einer Weile ab und es ist wieder dunkel.

Man hört Keuchen. Dann etwas, dass sich hier nur Bildschirmfoto wiedergeben lässt.

 

 

 

TAG 3

Das Logbuch! Das Logbuch! Rufen alle gleichzeitig erleichtert durcheinander, sodass niemand etwas versteht. Und in der Tat, es ist erfunden und kommuniziert mit dir lieber REZIPIENT. Mittlerweile ist es etwas später als 9 Uhr und längst sind alle aus dem Garten verschwunden. Nur der Muffin aus Henriekes Ohr schwebt noch vor dem azurblauen, sengenden Himmel. Der Autoreifen hängt erschlafft auf einer seltsamen Metallvorrichtung und die Mulde in dem kleinen ERdhügel entspricht exakt der Kopfform von Christoph. Das rote Telefon döst in der Mittagshitze und die kleine Schaufel glitzert immernoch vielsagend. In die Blackbox traut sich nach gestern heute keiner. Heimarbeit ist angezeigt in der kühlen Wohnung. Wir recherchieren Material für die nächste Woche, in der wir der das Geheimnis der schwarzen Kiste und seine Beziehung zum großen NEO_DADA weiter erforschen wollen.

Für´s erste ergeben sich ein paar Fragen: Wohin wird sich dieses Logbuch bewegen? Hat es vielleicht ein Eigenleben? Wer wird wie sprechen? Wie können wir den Materialgenerator Logbuch an die BLACKBOX BÜHNE als Input anschließen?

Wieviel Fiktion braucht es, wieviel Wirklichkeit? Gibt es da denn überhaupt einen wesentlichen Unterschied?

Wie mache ich aus meinem Körper eine Skultpur in der Zeit?

Wie wird aus meinen Handlungen ein magisches Ritual, das das große NEO_DADA Wirklichkeit werden lässt?
(Bitte ergänzen)

 

Tag 4

Freitag ist Freitag. Und weil NEO_DADA viel schneller kreiiert als GOTT und die besten Ideen kommen, wenn man nichts tut, tut NEO_ DADA: Nichts und lässt die BLACKBOX für sich arbeiten.

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